Gastbeitrag von Jana Tuncer: Aufwachsen im Wald…

2011/08/19

Auch wenn ich hier im Blog bisher nichts zum Thema „Waldkindergarten“ geschrieben habe, interessiert mich diese Form der pädagogischen Erziehung schon seit längerem. Vor allem die Frage ob und wenn ja in welchem Rahmen man in solchen Einrichtungen auch medienpädagogische Projekte einbinden kann. Im vergangenen Semester habe ich hierzu zwei Bachelorarbeitsthemen ausgeschrieben und freue mich, dass offensichtlich auch Studierende sich hierfür begeistern konnten. Eine der Arbeiten wurde letzten Monat abgeschlossen. Die Ergebnisse fand ich wirklich interessant und viel zu schade, um im Keller der Hochschulbibliothek zu verstauben. Da eine andere Form der Veröffentlichung bisher noch nicht in Aussicht ist, freue ich mich, dass Jana Tuncer sich bereiterklärt hat hier eine kurze Zusammenfassung zu veröffentlich. Hier ist er also, der erste Gastbeitrag auf Crossyard 2.0.

Einstellungen von Erziehungsberechtigten zur Wertevermittlung und zur Realisierung medienpädagogischer Projekte im Kontext von Waldkindergärten

Mit dem Begriff der Früherziehung werden familiale, pädagogische und besonders  institutionelle Formen der Erziehung und Betreuung von jungen Kindern angesprochen. Grundlegend gilt, dass die Wahl der Institution für die weitere Entwicklung des Kindes von besonderer Bedeutung ist. Innerhalb dieser Jahre werden wesentliche Grundlagen für die geistige, körperliche und seelische Entwicklung gelegt, die für die Herausbildung einer eigenverantwortlichen und sozialfähigen Persönlichkeit die Basis bilden. Kindergärten versuchen durch ihr vielfältiges Angebot diesen Anforderungen an die Früherziehung gerecht zu werden. In diesem Zusammenhang tritt zunehmend die Diskussion in den Vordergrund, welche  Bedeutung der Medienerziehung bereits in der Elementarbildung zugeschrieben wird.

Das Konzept des Waldkindergartens gilt als Gegenentwurf zu traditionellen Regelkindergärten und vereint verschiedene pädagogische Ansätze, jedoch existieren medienpädagogische Elemente bisher noch nicht in deren Konzeptionen. Eine Initiierung medienpädagogischer Projekte erfordert in diesem Kontext ein hohes Maß an Akzeptanz, vor allem bei den Erziehungsberechtigten. Fraglich ist in diesem Zusammenhang, wie diese zur Medienwelt stehen und welche grundlegenden Wertvorstellungen sie sich in der Früherziehung der Kinder vermittelt wünschen.

Im Rahmen der Bachelorarbeit wurden Erziehungsberechtigte hinsichtlich ihrer Wertvorstellungen und derer, die sie sich im Waldkindergarten vermittelt wünschen – mit dem Fokus auf Medien – befragt. Angestrebt wurde eine darauf aufbauende Typisierung der Erziehungsberechtigten bezüglich dem Grad an Zustimmung zum Einsatz von Medien im Waldkindergarten.

Wesentliche Erkenntnisse aus der Waldkindergartenpädagogik, der Medienerziehung sowie der Werteerziehung bildeten neben der Vorstellung von bestehenden  Einstellungstypisierungen die theoretische Grundlage dieser Arbeit.

Um der Fragestellung der Bachelorarbeit nachzugehen wurden die Daten mittels eines Leitfadeninterviews mit Erziehungsberechtigten (N=11) erhoben und anschließend einer Inhaltsanalyse nach Mayring unterzogen. Die Erziehungsberechtigten wurden aus Waldkindergärten der gesamten BRD rekrutiert indem versucht wurde durch E-Mails an die jeweiligen Vorstände der Kindergärten den Kontakt zu den Erziehungsberechtigten herzustellen, um diese anschließend persönlich auf das geplante Vorhaben anzusprechen.

Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass die Werte, die sich Erziehungsberechtigte im Waldkindergarten vermittelt wünschen, zu großen Teilen den in der Literatur aufgeführten Zielen und Leitgedanken der Waldkindergartenpädagogik entsprechen. Anhand der Datenauswertung lassen sich diese zu den folgenden zusammenfassen:

  • Naturerfahrungen und Umwelterziehung (81,2%)
  • Sozialverhalten (63%)
  • Körper- und Bewegungserziehung (27%)
  • Abhärtung (18%)
  • Kreativität fördern (18%)
  • Schulung der Sinne (9%)

Als weiteres Ergebnis der Arbeit konnten aufgrund ihres Grads an Zustimmung oder Ablehnung zum Medieneinsatz im Waldkindergarten drei Typen von Erziehungsberechtigten unterschieden werden.  Die drei Einstellungstypen wurden auf der Grundlage von zwei Kategorisierungsschritten bei der Datenauswertung in den Bereichen „Einsatz von Medien in der Elementarbildung“ und „Einsatz von Medien im Waldkindergarten“ ermittelt.

Die meisten Erziehungsberechtigten (55%) lassen sich dem bedingt aufgeschlossenen Typ zuordnen. Dieser zeichnet sich einerseits durch dessen bedingte Aufgeschlossenheit gegenüber medienpädagogischen Projekten in der Elementarbildung allgemein aus sowie durch dessen bedingte Aufgeschlossenheit gegenüber dem Einsatz von Medien im Waldkindergarten. Bedingungen die in diesem Zusammenhang genannt wurden sind ein adäquater Einsatz der Medien entsprechend der Umgebung des Waldkindergartens und eine Orientierung der Medien an den Bedürfnissen der Kinder.

Rund 36% der Erziehungsberechtigten lassen sich dem ablehnenden Typ gegenüber medienpädagogischen Projekten des Waldkindergartens zuordnen. Dieser Einstellungstyp lehnt nicht nur den Einsatz von Medien im Waldkindergarten ab, sondern ist gegenüber dem Einsatz von Medien in der Elementarbildung allgemein abgeneigt. Die ablehnende Haltung wurde vor allem damit begründet, dass medienpädagogische Projekte dem Konzept des Waldkindergartens widersprechen und schwer in die Umgebung des Waldes zu integrieren sind. Einen weiteren Anlass medienpädagogische Projekte im Waldkindergarten abzulehnen bot die Begründung, dass Kindergartenkinder noch zu jung für den Einsatz von Medien sind und beispielsweise zwischenmenschliche Erfahrungen im Vordergrund stehen sollten. Hier wurden Medien eher als Beeinträchtigung originärer Erfahrung gesehen.

Letztlich konnte noch der befürwortende Typ von medienpädagogischen Projekten im Waldkindergarten ausgemacht werden, welchem ausschließlich 9% der Erziehungsberechtigten zuzuordnen sind. Dieser Typ ist sowohl gegenüber dem Einsatz von Medien in der Elementarbildung als auch gegenüber dem Einsatz von Medien im Waldkindergarten aufgeschlossen. Die Befürwortung des Medieneinsatzes in der Elementarbildung allgemein und speziell im Waldkindergarten basiert auf der Ansicht, dass Kinder bereits im Vorschulalter auf den späteren Einsatz von Medien vorbereitet werden sollten, da der Kontakt mit Medien letztlich nicht verhindert werden kann. Dieser Einstellungstyp argumentiert weiter, dass der Einsatz von Medien insofern zur Entwicklung eines Kindes beitragen kann, dass es nur durch eine frühe Medienerziehung am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann und durch das Ausbleiben der Medienerziehung im Zweifelsfall in der heutigen Medienwelt die Orientierung verliert.

Mit dieser Studie wurde ein erster Ansatz gelegt, um zu ermitteln inwiefern sich ein Waldkindergarten als Rahmen für den Einsatz medienpädagogischer Projekte eignet, wobei der Fokus hierbei auf der Ebene der Erziehungsberechtigten lag. Zur endgültigen Beantwortung dieser Frage sind noch Betrachtungen auf weiteren Ebenen – beispielsweise die Einstellung der Erzieherinnen und Erzieher in solchen Einrichtungen – notwendig.

Insgesamt war die Durchführung dieser Studie sowie das Verfassen der Bachelorarbeit eine schöne und erkenntnisreiche Erfahrung für mich. Nicht nur die Ergebnisse an sich oder die Erweiterung meiner Kompetenzen im wissenschaftlichen Arbeiten, sondern auch gleichermaßen die Erkenntnis, dass meine Kinder später den Waldkindergarten besuchen werden, veranlassen mich zu diesem positiven Fazit.

Bildquelle: Wikimedia Commons (Fotograf: Gregor Sticker)


JUnQ – Gute Idee mit Optimierungspotential

2011/08/14

Heute Morgen stolperte ich bei Spiegel-Online über einen Artikel mit der Überschrift „Magazin des Scheiterns: Hier schreiben die Wissenschaftsversager“. In dem Beitrag wird das „Journal of Unsolved Questions“ (JUnQ) vorgestellt, welches von zwei Doktoranden an der Universität Mainz gegründet wurde und aus einem Workshop der dortigen Graduiertenschule „Material Science“ hervorging.

Ich weiß jetzt nicht, ob einer der Workshop-Teilnehmer meinen Blogbeitrag gelesen hat, in dem ich meine Gedanken zu einer „Publikationsmülltonne“ festhielt, aber jedenfalls hatte ich eine Art Déjà-vu. Denn genau wie bei meinen Überlegungen ist das JUnQ eine Plattform zur Veröffentlichung von Forschungsvorhaben, deren Ergebnisse keine Schlüsse zulassen oder bei denen sonst irgendetwas schief gelaufen ist. Also eine Möglichkeit Ergebnisse zu publizieren, die in keinem der „renommierten“ Journals gedruckt würden, für weitere Untersuchungen jedoch durchaus relevant sein könnten, um bereits gemachte Fehler nicht zu wiederholen.

Zunächst hat mich bei dem Spiegel-Artikel etwas irritiert, dass dort von Druckkosten die Rede war. So befürchtete ich gleich, dass es sich um eine kostenpflichtige Zeitschrift handelt, man also die Forschungsergebnisse zwar aus den Schubladen der Wissenschaftler ans Tageslicht befördert, aber gleich wieder hinter einer Kostenmauer versteckt. Aber Gott sei Dank ist dem nicht so. Es gibt zwar eine kostenpflichtige Printausgabe in kleiner Auflage, allerdings sind alle Ausgaben – und weitere Beiträge – auch auf der Website der Zeitschrift kostenlos erhältlich. Insgesamt also echt eine tolle Sache, die aber durchaus noch Verbesserungspotential besitzt.

Zum einen würde ich mir eine engere Verknüpfung der eigentlichen Zeitschrift mit der Website wünschen, so dass auch die Möglichkeit besteht, neben einem Paper zum Forschungsvorhaben weitere Dokumentationen, Erhebungsinstrumente oder gar Datensätze frei zugänglich zu machen. Am Besten natürlich unter einer entsprechenden Lizenz, die eine weitere Verwertung durch die Community erlaubt.

Zum anderen verstehe ich nicht, weshalb es einen Review-Prozess gibt, bei dem alle eingereichten Beiträge durch zwei Experten auf dem entsprechende Forschungsgebiet begutachtet werden. Was sind denn hier die Kriterien für eine Aufnahme in das Journal? Das etwas noch schiefer lief als bei einem anderen Projekt? Hier fände ich ein Open Peer Review unter Einbeziehung der Community wesentlich hilfreicher. Zwar mag in der gedruckten Zeitschrift nicht für alle eingereichten Beiträge Platz sein, so dass hier eine Auswahl getroffen werden muss, aber im Netz ist dies bekanntlich kein Problem. Durch eine Öffnung könnten  hier viel  mehr „verkorkste“ Studien publik gemacht und somit aus viel mehr Fehlern gelernt werden.

Und da aller guten Wünsche bekanntlich drei sind, wäre eine verbesserte Suchfunktion auf der Website wünschenswert beziehungsweise bei einer Berücksichtigung der beiden vorherigen Verbesserungswünsche auch notwendig. Hier stelle ich mir vor, dass man die Inhalte nach Fachgebieten, Methoden und Schlüsselwörtern filtern und durchsuchen kann, so dass jeder schnell zu den für ihn interessanten Inhalten gelangt.

Wie gesagt, ich denke das JUnQ ist eine gute Idee und ich freue mich, dass hier ein Versuch unternommen wird, um auch das „Scheitern in der Wissenschaft“ – wobei ich eher von Lernanlässen sprechen würde – öffentlich zugänglich zu machen und Fehlvorstellungen durch den „publication bias“ entgegenzuwirken. Allerdings denke ich, dass die Umsetzung durchaus ausbaufähig ist. Die oben genannten Wünsche sollten technisch kein Problem darstellen und – gerade auch mit Unterstützung des Stiftverbands für die Deutsche Wissenschaft – finanziell realisierbar sein.

Ich bin jedenfalls gespannt wie es weitergeht und hoffe, dass sich auch das themtische Spektrum noch etwas weiten wird. Heute Abend werde ich jedenfalls noch etwas in den bisher erschienen Veröffentlichungen stöbern. Denn mal ehrlich, wer von uns hat sich noch nie die Frage gestellt, ob Zwergschimpansinnen Orgasmen vortäuschen :)

Bildquelle: Wikimedia Commons (Fotograf: Joadl)


Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.