Interviewereffekte bei Schülerbefragungen

In den letzten Wochen habe ich mich nochmals intensiver mit den im Rahmen meiner Dissertation durchgeführten Interviews beschäftigt. In dem Zusammenhang führten eine Kollegin und ich mit Schülerinnen und Schülern der Klassenstufe 7 und 8 Einzelgespräche, wobei als Orientierung zwar ein Leitfaden verwendete wurde, die Interviews jedoch kaum standardisiert abliefen.

Bereits bei der Vorbereitung auf die Gespräche hatten wir bedacht, dass die Person des Interviewers einen Einfluss auf den Gesprächsverlauf und vor allem das Antwortverhalten der Jugendlichen haben könnte. Entsprechend haben wir uns in den jeweiligen Interviews darauf konzentriert Fragen möglichst neutral zu stellen und auch bei Nachfragen keine Anworttendenz nahezulegen. Außerdem wurden die Schülerinnen und Schüler zu Beginn nochmals darauf hingewiesen, dass es bei den Fragen keine richtigen oder falschen Antworten gibt, sondern ihre persönliche Meinung interessant für uns sei.

Dennoch fiel mir schon bei der Transkription der Mitschnitte auf, dass viele Jugendliche im Verlauf des Interviews teilweise gegensätzliche – oder zumindest stark abweichende – Aussagen zu ein und demselben Sachverhalt machten. Daher schaute ich mir auch die Fragen der Interviewer nochmals genauer an. Allerdings konnte ich hier keine Auffälligkeiten oder gar tendenziöse Formulierungen erkennen. Von daher frage ich mich jetzt schon, wie es sich erklären lässt, dass einige Schülerinnen und Schüler innerhalb von 10 Minuten ihre Meinung so deutlich verändert haben?

Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass sie sich im Vorfeld der Interviews über die angesprochenen Aspekte noch keine Gedanken gemacht und entsprechend keine gefestigte Meinung zu diesen Sachverhalten hatten. Im Meinungsbildungsprozess kann es ja durchaus vorkommen, dass man seine Meinung ändert. Wenn das Thema dann in relativ kurzer Zeit mehrfach im Gesprächsverlauf auf den Tisch kommt, fallen die Antworten entsprechend unterschiedlich aus. Allerdings würde ich einen solchen Prozess eher bei kontroversen Fragestellungen vermuten, jedoch weniger bei der persönlichen Einschätzung der letzten Unterrichtseinheit oder Fragen zur allgemeinen Vorbereitung auf die Schulstunden.

Eine andere Erklärung könnte sein, dass die Fähigkeit eigene Meinungen zu präzisieren und zu verbalisieren bei Kindern im Alter von 13 bis 14 Jahren noch nicht so stark ausgeprägt ist, dass sie diese auch in einer solchen Gesprächssituation standhaft vertreten können. Für die meisten Schülerinnen und Schüler dürften die Interviews eine neue oder zumindest ungewohnte Situation sein. Dass hier Nervosität eine Rolle spielt ist nachvollziehbar. Wenn dann die einzige – mir fremde – Person im Raum noch Nachfragen stellt, könnte dies durchaus einen einschüchternden Einfluss haben und zu entsprechendem Antwortverhalten führen. Zumindest erscheint mir diese Erklärung bei den in diesen Interviews behandelten Themen plausibler als nicht abgeschlossene Meinungsbildungsprozesse.

Jetzt stellt sich die Frage, wie man dies künftig verhindern könnte? Wäre ein Gruppeninterview – mit allen Vor- und Nachteilen die dieses Gesprächsformat mit sich bringt – eventuell geeigneter, um Jugendliche in diesem Alter zu befragen? Oder verschlimmert die Anwesenheit der Peers das Problem womöglich noch zusätzlich?

Falls jemand ähnliche Feststellungen bei der Durchführung von Schülerinterviews gemacht hat, beruflich mit Kindern in Kontakt ist oder weiterführende Quellen zum Thema „richtige“ Befragungsform für gewisse Altersgruppen kennt, würde ich mich über einen Kommentar oder Kontaktaufnahme freuen.

Bildquelle: Flickr (Fotograf: Roberto Verzo)

2 Antworten zu Interviewereffekte bei Schülerbefragungen

  1. Margret sagt:

    Hallo,
    vielleicht wäre es eine Möglichkeit genau die gleichen Probanden nach einer gewissen Zeit zum gleichen Thema noch einmal zu befragen, um zu erfassen welche Meinung sie dann haben. Eventuell könnten sie dann eine gefestigtere Meinung haben, wenn sie sich schon einmal mit diesem Thema auseinander gesetzt haben.
    Grüße

    • crossyard sagt:

      Hallo,

      stimmt. Das wäre sicher eine interessante Methode, um zu prüfen, ob es tatsächlich an nicht gefestigten Meinungen liegt. Leider ist es im Rahmen dieses Projektes nicht mehr realisierbar. Aber bei künftigen Vorhaben könnte ich es mir – zumindest mal im Rahmen eines Pretests – gut vorstellen.

      Danke und Grüße zurück,
      Crossyard

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