Heute Morgen stolperte ich bei Spiegel-Online über einen Artikel mit der Überschrift „Magazin des Scheiterns: Hier schreiben die Wissenschaftsversager“. In dem Beitrag wird das „Journal of Unsolved Questions“ (JUnQ) vorgestellt, welches von zwei Doktoranden an der Universität Mainz gegründet wurde und aus einem Workshop der dortigen Graduiertenschule „Material Science“ hervorging.
Ich weiß jetzt nicht, ob einer der Workshop-Teilnehmer meinen Blogbeitrag gelesen hat, in dem ich meine Gedanken zu einer „Publikationsmülltonne“ festhielt, aber jedenfalls hatte ich eine Art Déjà-vu. Denn genau wie bei meinen Überlegungen ist das JUnQ eine Plattform zur Veröffentlichung von Forschungsvorhaben, deren Ergebnisse keine Schlüsse zulassen oder bei denen sonst irgendetwas schief gelaufen ist. Also eine Möglichkeit Ergebnisse zu publizieren, die in keinem der „renommierten“ Journals gedruckt würden, für weitere Untersuchungen jedoch durchaus relevant sein könnten, um bereits gemachte Fehler nicht zu wiederholen.
Zunächst hat mich bei dem Spiegel-Artikel etwas irritiert, dass dort von Druckkosten die Rede war. So befürchtete ich gleich, dass es sich um eine kostenpflichtige Zeitschrift handelt, man also die Forschungsergebnisse zwar aus den Schubladen der Wissenschaftler ans Tageslicht befördert, aber gleich wieder hinter einer Kostenmauer versteckt. Aber Gott sei Dank ist dem nicht so. Es gibt zwar eine kostenpflichtige Printausgabe in kleiner Auflage, allerdings sind alle Ausgaben – und weitere Beiträge – auch auf der Website der Zeitschrift kostenlos erhältlich. Insgesamt also echt eine tolle Sache, die aber durchaus noch Verbesserungspotential besitzt.
Zum einen würde ich mir eine engere Verknüpfung der eigentlichen Zeitschrift mit der Website wünschen, so dass auch die Möglichkeit besteht, neben einem Paper zum Forschungsvorhaben weitere Dokumentationen, Erhebungsinstrumente oder gar Datensätze frei zugänglich zu machen. Am Besten natürlich unter einer entsprechenden Lizenz, die eine weitere Verwertung durch die Community erlaubt.
Zum anderen verstehe ich nicht, weshalb es einen Review-Prozess gibt, bei dem alle eingereichten Beiträge durch zwei Experten auf dem entsprechende Forschungsgebiet begutachtet werden. Was sind denn hier die Kriterien für eine Aufnahme in das Journal? Das etwas noch schiefer lief als bei einem anderen Projekt? Hier fände ich ein Open Peer Review unter Einbeziehung der Community wesentlich hilfreicher. Zwar mag in der gedruckten Zeitschrift nicht für alle eingereichten Beiträge Platz sein, so dass hier eine Auswahl getroffen werden muss, aber im Netz ist dies bekanntlich kein Problem. Durch eine Öffnung könnten hier viel mehr „verkorkste“ Studien publik gemacht und somit aus viel mehr Fehlern gelernt werden.
Und da aller guten Wünsche bekanntlich drei sind, wäre eine verbesserte Suchfunktion auf der Website wünschenswert beziehungsweise bei einer Berücksichtigung der beiden vorherigen Verbesserungswünsche auch notwendig. Hier stelle ich mir vor, dass man die Inhalte nach Fachgebieten, Methoden und Schlüsselwörtern filtern und durchsuchen kann, so dass jeder schnell zu den für ihn interessanten Inhalten gelangt.
Wie gesagt, ich denke das JUnQ ist eine gute Idee und ich freue mich, dass hier ein Versuch unternommen wird, um auch das „Scheitern in der Wissenschaft“ – wobei ich eher von Lernanlässen sprechen würde – öffentlich zugänglich zu machen und Fehlvorstellungen durch den „publication bias“ entgegenzuwirken. Allerdings denke ich, dass die Umsetzung durchaus ausbaufähig ist. Die oben genannten Wünsche sollten technisch kein Problem darstellen und – gerade auch mit Unterstützung des Stiftverbands für die Deutsche Wissenschaft – finanziell realisierbar sein.
Ich bin jedenfalls gespannt wie es weitergeht und hoffe, dass sich auch das themtische Spektrum noch etwas weiten wird. Heute Abend werde ich jedenfalls noch etwas in den bisher erschienen Veröffentlichungen stöbern. Denn mal ehrlich, wer von uns hat sich noch nie die Frage gestellt, ob Zwergschimpansinnen Orgasmen vortäuschen
Bildquelle: Wikimedia Commons (Fotograf: Joadl)
Verfasst von crossyard 