JUnQ – Gute Idee mit Optimierungspotential

2011/08/14

Heute Morgen stolperte ich bei Spiegel-Online über einen Artikel mit der Überschrift „Magazin des Scheiterns: Hier schreiben die Wissenschaftsversager“. In dem Beitrag wird das „Journal of Unsolved Questions“ (JUnQ) vorgestellt, welches von zwei Doktoranden an der Universität Mainz gegründet wurde und aus einem Workshop der dortigen Graduiertenschule „Material Science“ hervorging.

Ich weiß jetzt nicht, ob einer der Workshop-Teilnehmer meinen Blogbeitrag gelesen hat, in dem ich meine Gedanken zu einer „Publikationsmülltonne“ festhielt, aber jedenfalls hatte ich eine Art Déjà-vu. Denn genau wie bei meinen Überlegungen ist das JUnQ eine Plattform zur Veröffentlichung von Forschungsvorhaben, deren Ergebnisse keine Schlüsse zulassen oder bei denen sonst irgendetwas schief gelaufen ist. Also eine Möglichkeit Ergebnisse zu publizieren, die in keinem der „renommierten“ Journals gedruckt würden, für weitere Untersuchungen jedoch durchaus relevant sein könnten, um bereits gemachte Fehler nicht zu wiederholen.

Zunächst hat mich bei dem Spiegel-Artikel etwas irritiert, dass dort von Druckkosten die Rede war. So befürchtete ich gleich, dass es sich um eine kostenpflichtige Zeitschrift handelt, man also die Forschungsergebnisse zwar aus den Schubladen der Wissenschaftler ans Tageslicht befördert, aber gleich wieder hinter einer Kostenmauer versteckt. Aber Gott sei Dank ist dem nicht so. Es gibt zwar eine kostenpflichtige Printausgabe in kleiner Auflage, allerdings sind alle Ausgaben – und weitere Beiträge – auch auf der Website der Zeitschrift kostenlos erhältlich. Insgesamt also echt eine tolle Sache, die aber durchaus noch Verbesserungspotential besitzt.

Zum einen würde ich mir eine engere Verknüpfung der eigentlichen Zeitschrift mit der Website wünschen, so dass auch die Möglichkeit besteht, neben einem Paper zum Forschungsvorhaben weitere Dokumentationen, Erhebungsinstrumente oder gar Datensätze frei zugänglich zu machen. Am Besten natürlich unter einer entsprechenden Lizenz, die eine weitere Verwertung durch die Community erlaubt.

Zum anderen verstehe ich nicht, weshalb es einen Review-Prozess gibt, bei dem alle eingereichten Beiträge durch zwei Experten auf dem entsprechende Forschungsgebiet begutachtet werden. Was sind denn hier die Kriterien für eine Aufnahme in das Journal? Das etwas noch schiefer lief als bei einem anderen Projekt? Hier fände ich ein Open Peer Review unter Einbeziehung der Community wesentlich hilfreicher. Zwar mag in der gedruckten Zeitschrift nicht für alle eingereichten Beiträge Platz sein, so dass hier eine Auswahl getroffen werden muss, aber im Netz ist dies bekanntlich kein Problem. Durch eine Öffnung könnten  hier viel  mehr „verkorkste“ Studien publik gemacht und somit aus viel mehr Fehlern gelernt werden.

Und da aller guten Wünsche bekanntlich drei sind, wäre eine verbesserte Suchfunktion auf der Website wünschenswert beziehungsweise bei einer Berücksichtigung der beiden vorherigen Verbesserungswünsche auch notwendig. Hier stelle ich mir vor, dass man die Inhalte nach Fachgebieten, Methoden und Schlüsselwörtern filtern und durchsuchen kann, so dass jeder schnell zu den für ihn interessanten Inhalten gelangt.

Wie gesagt, ich denke das JUnQ ist eine gute Idee und ich freue mich, dass hier ein Versuch unternommen wird, um auch das „Scheitern in der Wissenschaft“ – wobei ich eher von Lernanlässen sprechen würde – öffentlich zugänglich zu machen und Fehlvorstellungen durch den „publication bias“ entgegenzuwirken. Allerdings denke ich, dass die Umsetzung durchaus ausbaufähig ist. Die oben genannten Wünsche sollten technisch kein Problem darstellen und – gerade auch mit Unterstützung des Stiftverbands für die Deutsche Wissenschaft – finanziell realisierbar sein.

Ich bin jedenfalls gespannt wie es weitergeht und hoffe, dass sich auch das themtische Spektrum noch etwas weiten wird. Heute Abend werde ich jedenfalls noch etwas in den bisher erschienen Veröffentlichungen stöbern. Denn mal ehrlich, wer von uns hat sich noch nie die Frage gestellt, ob Zwergschimpansinnen Orgasmen vortäuschen :)

Bildquelle: Wikimedia Commons (Fotograf: Joadl)


Zweifel und Fehler als Erkenntniselixier

2011/01/24

Bereits letzte Woche berichtete „derFreitag“ in einem Artikel über die jährliche Umfrage des Webmagazins „Edge“. Dieses Jahr haben die Herausgeber Wissenschaftler, Philosophen und Künstler mit der Frage

„Welches wissenschaftliche Konzept würde unsere kognitive Erkenntnisfähigkeit verbessern?“

konfrontiert. Und heraus kamen wirklich gedankenanregende Stellungnahmen. Vor allem deutlich werden dabei zwei Konzepte: (1) die Notwendigkeit des kritischen Zweifelns und (2) die Bedeutung von Fehlern für den – vor allem, aber meines Erachtens nicht ausschließlichen – wissenschaftlichen Erkenntnisprozess.

Die Bedeutung des Zweifelns für jegliche wissenschaftliche Arbeit ist dabei nicht neu. Bereits Karl R. Popper vertrat die Ansicht, dass (wissenschaftliche) Theorien niemals empirisch verifizierbar sind, sondern lediglich als nicht falsifiziert gelten können. Und wenn nun Carlo Rovelli sagt, die Grundlage der Wissenschaft sei, Zweifel bereitwillig zuzulassen, so kann man dem nur voll und ganz zustimmen. Immerhin bieten Zweifel an wissenschaftlichen Ergebnissen auch immer Anlass für Diskussionen und Reflexionsprozesse sowie zur Weiterentwicklung von Theorien und Modellvorstellungen.

Eng damit verbunden ist daher auch die Bedeutung und den Stellenwert von Fehlern zu erkennen und solche auch zuzulassen. Das Zitat von Kevin Kelly aus dem Artikel bringt es dabei ziemlich gut auf den Punkt:

Wir können beinahe genauso viel aus einem nicht funktionierenden Experiment lernen, wie aus einem, das funktioniert. Fehler sollten nicht vermieden, sondern kultiviert werden. Diese Lektion aus dem Bereich der Wissenschaft ist nicht nur für die Forschung in Laboren nützlich, sondern auch für Design, Sport, Technik, Kunst, Unternehmertum, selbst das tägliche Leben. Alle kreativen Unterfangen erbringen das Maximum, wenn Fehler begrüßt werden.

Wichtig ist es hierbei, die Fehler jedoch nicht als solche einfach stehen zu lassen, sondern sie als Anlass zu nehmen darüber nachzudenken, Gewohnheiten und Vorstellungen anzupassen und so aus ihnen zu lernen. Fehler quasi als Basis für jeden (Weiter-)Entwicklungsprozess.

Das Lesen dieses Artikels hat mich auch an ein Buch erinnert, das ich vor etwa einem Jahr quasi verschlungen habe und das sicher mit zu den Texten zählt, die mich in den letzten Jahren am meisten beschäftigten und prägten: „Die Kunst des Zweifelns. Anleitung zum skeptischen Denken“ von Andreas Urs Sommer. Neben einem allgemeinen Überblick zur philosophischen Skepsis als Form der Lebenskunst, wird die Bedeutung des Zweifelns in 33 Kapiteln anhand alltäglicher Themen wie Geld, Bildung, Wissenschaft, Politik oder Liebe verdeutlicht und in abschließenden Gedankenexperimenten eingeübt.

Auch wenn die Gedankenexperimente und vor allem die Abschnitte zur Außenweltgewissheit mich für längere Zeit in eine Sinn- und Lebenskrise stürzten, kann ich wirklich jedem nur empfehlen, sich auf die Lektüre einzulassen. Denn zum einen habe ich es überlebt und zum anderen geht man ja bekanntlich aus jeder überwundenen Krise gestärkt hervor. Bleibt nur zu hoffen, dass das auch für Wirtschaft und Gesellschaft gilt.

Bildquelle: Flickr (Fotograf: Aguno)


Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.