Beim Schreiben des gestrigen Beitrags stellte ich fest, dass ich doch tatsächlich vergessen habe einen bereits vor einigen Wochen verfassten Text zum nicht mehr ganz so neuen Werk von Frank Schirrmacher zu veröffentlichen. Mit Interesse hatte ich Ende letzten Jahres die Diskussionen über Payback verfolgt und mir schließlich das Buch gekauft, um mir eine eigene Meinung zu bilden. Eigentlich will ich den inzwischen wieder abgeflauten Diskurs auch ruhen lassen und wollte den Text einfach nochmals durchlesen und danach löschen (er hätte eh in eine ähnliche Kerbe geschlagen, wie die vielfach in den verschiedensten Medien zu findenden Reviews), aber dann fiel mir beim Lesen der Zeilen auf, dass sich meine Meinung zu dem Text in den letzten Wochen vielleicht nicht geändert hatte, aber Schirrmachers Ausführungen mich doch mehr zum Nachdenken anregten, als ich dies direkt nach dem Auslesen des Buches vermutet hätte. Daher habe ich meinen Beitrag nochmals überarbeitet. Hier also mein Review, ganz ohne die Frage, ob es nun verwerflich ist Tweed statt Tweet zu schreiben – eben Schirrmacher mit zeitlichem Abstand betrachtet.
Zunächst einmal muss ich sagen, dass ich mir von dem Buch etwas anderes erwartet habe. Was genau kann ich nicht mal sagen, aber irgendwie einen stärkeren Fokus auf die Auswirkungen des Internets – und speziell des Social Webs – für unseren Alltag. Auch wenn dieser Aspekt immer wieder auftaucht, so hatte ich beim Lesen das Gefühl, dass er lediglich als notwendiger Aufhänger für die wirklich zentralen Themen des Autors diente. In Erinnerung blieben mir vor allem die Ausführungen über Kontrolle beziehungsweise Kontrollverlust und über das Informationsverhalten. Beides hätte man sicher auch an anderen Beispielen verdeutlichen können. Ich vermute, dass Schirrmacher hier einfach aus marketingtechnischen Gründen ein aktuelles Thema aufgreifen wollte.
Etwas enttäuscht war ich auch von der sprachlichen Gestaltung des Textes. Immerhin zählt Frank Schirrmacher zu den bedeutendsten Journalisten unseres Landes. Teilweise widersprüchliche oder unschlüssige Argumentationsketten, Rechtschreibfehler und der nach meiner Einschätzung recht willkürliche Umgang mit Quellenverweisen (teilweise fand ich die angegebenen Quellen unnötig und unpassend, an anderer Stelle hätte ich gerne eine Quellenangabe gehabt) hätte ich daher nicht erwartet.
Aber ich wollte ja nicht zuviel kritisieren, sondern eher mit zeitlichem Abstand auf die Lektüre zurückschauen und da muss ich sagen, dass mich vor allem das Kapitel „Der digitale Darwinismus“ nachhaltig beschäftigt hat. Schirrmacher vergleicht hierin das menschliche Informationsverhalten mit der Nahrungssuche im Tierreich. Ein Tier, das zum Erlegen der Beute mehr Energie aufwenden muss als es schließlich durch den Verzehr erhält, wird langfristig verhungern. Auch die Informationssuche frisst einen Teil unserer begrenzten Aufmerksamkeit. Es gilt also stets abzuwägen, welchen Anteil an Aufmerksamkeit ich gewissen Informationen schenke und welchen Nutzen ich aus diesen ziehen kann. Ein langfristiges Missverhältnis kann hier schnell zum Gefühl der Überforderung und zu Unproduktivität führen. In den letzten Wochen habe ich hierüber viel nachgedacht und versucht mein eigenes Informationsverhalten kritisch zu überdenken. Ein erstes Ergebnis ist, dass ich meine Informationskanäle wie Twitter oder RSS-Reader neu organisiert habe (einige Feeds fielen ganz raus, andere habe ich neu gewichtet). Und auch mein Umgang mit diesen Neuigkeiten hat sich verändert. Ich versuche verstärkt vorher abzuschätzen, ob mir die kurze Mitteilung reicht oder ob ich doch den ganzen Beitrag lesen will. Ich bin gespannt, wie sich mein neues, sich nach wie vor veränderndes Informationsverhalten langfristig auf meine Produktivität auswirken wird. Aber wenn hier nur zwei, drei Stunden mehr Freizeit pro Woche rausspringen, dann haben sich die 17,95 EUR für den Kauf definitiv gelohnt. In meinem ersten Text kam ich hier zu einem viel pessimistischeren Ergebnis.
Von daher meine zweite, vielleicht noch wichtiger Erkenntnis – es ist oftmals sinnvoll gewisse Dinge mit zeitlichem Abstand zu betrachten. Häufig wird man dann feststellen, dass sich erste Urteile doch als zu schnell gefällte Vorurteile erweisen.
Letztlich will ich bei der Gelegenheit noch zwei Quellen festhalten, die ich im Rahmen der ganzen „Payback“-Diskussion gefunden und als archivierwürdig empfunden habe.
Zum einen Sascha Lobos Gegenrede zu Schirrmacher. Für mich der sowohl sprachlich als auch argumentativ beste Beitrag zum Buch. Besonders gelungen fand ich den Vergleich „sich im Klo einschließen“ und „im Klo eingeschlossen werden“ als Metapher für den Unterschied zwischen der Veröffentlichung eigener Daten und deren staatlicher Überwachung. Treffend, einprägsam, genial.
Der zweite Beitrag ist ein Post von Peter Glaser in seinem Weblog “Glaserei” bei der Stuttgarter Zeitung. Inhaltlich fand ich ihn nicht wirklich hilfreich, aber das war wohl auch nicht die Intention des Autors. Viel interessanter sind meines Erachtens die Kommentare zu dem Beitrag. Hier zeigt sich anschaulich, wie schnell eine Diskussion im Netz auf eine unsachlich und beleidigende Ebene abrutschen kann. Sollte ich irgendwann mal wieder ein Beispiel für Flaming brauchen, werde ich sicher die Diskussion anführen.
Verfasst von crossyard