Schirrmacher, mit zeitlichem Abstand betrachtet

2010/02/05

Beim Schreiben des gestrigen Beitrags stellte ich fest, dass ich doch tatsächlich vergessen habe einen bereits vor einigen Wochen verfassten Text zum nicht mehr ganz so neuen Werk von Frank Schirrmacher zu veröffentlichen. Mit Interesse hatte ich Ende letzten Jahres die Diskussionen über Payback verfolgt und mir schließlich das Buch gekauft, um mir eine eigene Meinung zu bilden. Eigentlich will ich den inzwischen wieder abgeflauten Diskurs  auch ruhen lassen und wollte den Text einfach nochmals durchlesen und danach löschen (er hätte eh in eine ähnliche Kerbe geschlagen, wie die vielfach in den verschiedensten Medien zu findenden Reviews), aber dann fiel mir beim Lesen der Zeilen auf, dass sich meine Meinung zu dem Text in den letzten Wochen vielleicht nicht geändert hatte, aber Schirrmachers Ausführungen mich doch mehr zum Nachdenken anregten, als ich dies direkt nach dem Auslesen des Buches vermutet hätte. Daher habe ich meinen Beitrag nochmals überarbeitet. Hier also mein Review, ganz ohne die Frage, ob es nun verwerflich ist Tweed statt Tweet zu schreiben – eben Schirrmacher mit zeitlichem Abstand betrachtet.

Zunächst einmal muss ich sagen, dass ich mir von dem Buch etwas anderes erwartet habe. Was genau kann ich nicht mal sagen, aber irgendwie einen stärkeren Fokus auf die Auswirkungen des Internets – und speziell des Social Webs – für unseren Alltag. Auch wenn dieser Aspekt immer wieder auftaucht, so hatte ich beim Lesen das Gefühl, dass er lediglich als notwendiger Aufhänger für die wirklich zentralen Themen des Autors diente. In Erinnerung blieben mir vor allem die Ausführungen über Kontrolle beziehungsweise Kontrollverlust und über das Informationsverhalten. Beides hätte man sicher auch an anderen Beispielen verdeutlichen können. Ich vermute, dass Schirrmacher hier einfach aus marketingtechnischen Gründen ein aktuelles Thema aufgreifen wollte.

Etwas enttäuscht war ich auch von der sprachlichen Gestaltung des Textes. Immerhin zählt Frank Schirrmacher zu den bedeutendsten Journalisten unseres Landes. Teilweise widersprüchliche oder unschlüssige Argumentationsketten, Rechtschreibfehler und der nach meiner Einschätzung recht willkürliche Umgang mit Quellenverweisen (teilweise fand ich die angegebenen Quellen unnötig und unpassend, an anderer Stelle hätte ich gerne eine Quellenangabe gehabt) hätte ich daher nicht erwartet.

Aber ich wollte ja nicht zuviel kritisieren, sondern eher mit zeitlichem Abstand auf die Lektüre zurückschauen und da muss ich sagen, dass mich vor allem das Kapitel „Der digitale Darwinismus“ nachhaltig beschäftigt hat. Schirrmacher vergleicht hierin das menschliche Informationsverhalten mit der Nahrungssuche im Tierreich. Ein Tier, das zum Erlegen der Beute mehr Energie aufwenden muss als es schließlich durch den Verzehr erhält, wird langfristig verhungern. Auch die Informationssuche frisst einen Teil unserer begrenzten Aufmerksamkeit. Es gilt also stets abzuwägen, welchen Anteil an Aufmerksamkeit ich gewissen Informationen schenke und welchen Nutzen ich aus diesen ziehen kann. Ein langfristiges Missverhältnis kann hier schnell zum Gefühl der Überforderung und zu Unproduktivität führen. In den letzten Wochen habe ich hierüber viel nachgedacht und versucht mein eigenes Informationsverhalten kritisch zu überdenken. Ein erstes Ergebnis ist, dass ich meine Informationskanäle wie Twitter oder RSS-Reader neu organisiert habe (einige Feeds fielen ganz raus, andere habe ich neu gewichtet). Und auch mein Umgang mit diesen Neuigkeiten hat sich verändert. Ich versuche verstärkt vorher abzuschätzen, ob mir die kurze Mitteilung reicht oder ob ich doch den ganzen Beitrag lesen will. Ich bin gespannt, wie sich mein neues, sich nach wie vor veränderndes Informationsverhalten langfristig auf meine Produktivität auswirken wird. Aber wenn hier nur zwei, drei Stunden mehr Freizeit pro Woche rausspringen, dann haben sich die 17,95 EUR für den Kauf definitiv gelohnt. In meinem ersten Text kam ich hier zu einem viel pessimistischeren Ergebnis.

Von daher meine zweite, vielleicht noch wichtiger Erkenntnis – es ist oftmals sinnvoll gewisse Dinge mit zeitlichem Abstand zu betrachten. Häufig wird man dann feststellen, dass sich erste Urteile doch als zu schnell gefällte Vorurteile erweisen.

Letztlich will ich bei der Gelegenheit noch zwei Quellen festhalten, die ich im Rahmen der ganzen „Payback“-Diskussion gefunden und als archivierwürdig empfunden habe.

Zum einen Sascha Lobos Gegenrede zu Schirrmacher. Für mich der sowohl sprachlich als auch argumentativ beste Beitrag zum Buch. Besonders gelungen fand ich den Vergleich „sich im Klo einschließen“ und „im Klo eingeschlossen werden“ als Metapher für den Unterschied zwischen der Veröffentlichung eigener Daten und deren staatlicher Überwachung. Treffend, einprägsam, genial.

Der zweite Beitrag ist ein Post von Peter Glaser in seinem Weblog “Glaserei” bei der Stuttgarter Zeitung. Inhaltlich fand ich ihn nicht wirklich hilfreich, aber das war wohl auch nicht die Intention des Autors. Viel interessanter sind meines Erachtens die Kommentare zu dem Beitrag. Hier zeigt sich anschaulich, wie schnell eine Diskussion im Netz auf eine unsachlich und beleidigende Ebene abrutschen kann. Sollte ich irgendwann mal wieder ein Beispiel für Flaming brauchen, werde ich sicher die Diskussion anführen.


Reading in the Sun

2009/08/09

Reading in the Sun Heute habe ich den sonnigen Nachmittag genutzt, um im Stadtpark – fernab von Computer   und Internet – meinen Stapel mit noch zu lesender Literatur ein wenig abzuarbeiten.

Als erstes nahm ich mir die (soweit ich weiß bisher noch) unveröffentlichte Examensarbeit von Anna Folke, einer Absolventin hier von der PH Weingarten, vor. Diese trägt den Titel „Der Einsatz von Web2.0 im Englischunterricht. Durchführung und Evaluation einer Unterrichtseinheit“.

Zunächst geht die Autorin darin allgemein auf den Begriff des Web 2.0 und verschiedene Anwendungen ein, bevor sie mögliche Einsatzszenarien und Potentiale für deren Nutzung im Schulunterricht erläutert. Anschließend beschreibt sie ihre Erfahrungen beim Einsatz eines Weblogs im Englischunterricht der 10. Klasse an einer Hauptschule.

Von der theoretischen Seite brachte mir die Lektüre keinen neuen Erkenntnisse, aber einige Literaturhinweise fand ich interessant (auch wenn sich diese größtenteils speziell auf den Sprachunterricht beziehen). Vor allem folgende vier Beiträge werde ich mir nochmals näher anschauen:

  1. Dorok, S. (2006). Möglichkeiten und Grenzen des Einsatzes von Podcasts als Methode zur Verlagerung von Hörverstehens- und Sprachproduktionsaufgaben in die Hausaufgaben der Klasse 8b des Mariengymnasiums Arnsberg. [PDF]
    Frage: Inwieweit kann mittels Web 2.0-Tools eine Brücke zwischen Lernen in der Unterrichtsstunde und informellem Lernen zu Hause geschlagen werden? Inwieweit biete dies den Schülern die Möglichkeit, das Lerntempo an ihre Bedürfnisse anzupassen?
  2. Meister, D. & Meise, B. (2008). Medienkompetenz als lebenslange Herausforderung. In: Deutsche UNESCO-Kommission e.V. (Hrsg.). UNESCO heute. Wissen im Web, Heft 1/2008.
    Frage: Inwiefern ändern sich durch den Einsatz von Web 2.0-Tools auch die Anforderungen an die Kompetenz der Nutzer?
  3. Röll, M. (2005). Corporate E-Learning mit Weblogs und RSS. Handbuch E-Learning. [PDF]
  4. Sharma, P. & Barett, B. (2007). Blended Learning. Using Technology in and beyond the Language Classroom. Oxford: Macmillan Education.

Spannender fand ich die Reflexionen über die durchgeführte Unterrichtseinheit. Hier erhielt ich einige Anregungen und Ideen, die ich für die Durchführung meiner Untersuchung in der Schule im Hinterkopf behalten sollte. Daher will ich diese hier kurz stichpunktartig festhalten:

  • Nach Möglichkeit das Vorhaben persönlich auf einem Elternabend vorstellen und um Unterstützung bitten (anstatt eines Elternbriefs).
  • Bedenken, dass trotz alle Berichte über die „digital natives“ scheinbar oftmals noch Probleme beim Einrichten der Zugänge auftreten, weil Schüler entweder keine Emailadresse haben oder ihre Zugangsdaten nicht mehr wissen. Außerdem sicherstellen, dass allen Schülern ein Internetzugang zur Verfügung steht, was wohl zu Hause auch nicht selbstverständlich ist.
  • Zur Unterstützung der Schüler Anleitungen zum Umgang mit dem Weblog (Veröffentlichen von Beiträgen, Einbinden von Bildern und Videos, etc.) als Download zur Verfügung stellen.
  • Mit den Schülern Umgangsformen beim Kommentieren besprechen, schriftlich festhalten und als Datei hinterlegen.

Da in der Arbeit der Einsatz eines Klassen-Weblog untersucht wurde, bin ich nochmals ins Grübeln gekommen. Ist dieses Vorgehen eventuell sinnvoller als jedem Schüler einen eigenen Blog zur Verfügung zu stellen? Darüber mache ich mir bereits seit einiger Zeit Gedanken. Über Erfahrungsberichte oder Hinweise zu entsprechenden Vergleichsuntersuchungen wäre ich daher sehr dankbar.

Meine zweite Lektüre war Cross, J. E. et al. (2009). Using Mixed-Method Design and Network Analysis to Measure Development of Interagency Collaboration, ein Artikel aus der aktuellen Ausgabe des American Journal of Evaluation.

Den Beitrag hatte ich mir vorgemerkt, da ich kurz mit dem Gedanken spielte, in Rahmen meines Dissertationsvorhabens auch eine Netzwerkanalyse zu machen, um neben der Selbsteinschätzung der Schüler noch weitere Daten zur sozialen Eingebundenheit zu bekommen. Inzwischen denke ich, dass dies den Rahmen der Arbeit sprengen würde. Aber sollte ich nochmals auf das Thema zurückkommen, ist dieser Artikel zusammen mit

Frank, K. A. (1998b). Quantitative methods for studying social context in multilevels and through interpersonal relations. Review of  Research in Education, 23, 171-216.

eine gute Ausgangsbasis. Denn ich bin nach wie vor dasvon überzeugt, dass die Anwendung von  Netzwerkanalysen zur Untersuchung des Einsatzes von Web-2.0-Tools in Lehr-Lern-Szenarien ein spannendes Thema ist und interessante Erkenntnisse verspricht. Auch hier die Frage: Hat jemand bereits erste Erfahrungenin dem Bereich gesammelt oder kennt entsprechende Untersuchungen?

Bildquelle: flickr


Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.